Mein erfrischendster Geburtstag

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Erlebnisse und Erkenntnisse während vier Tagen und drei Nächten im Schnee

Heute schaue ich zurück auf das vierte Modul meiner Ausbildung zum Outdoor-Guide. Nach Wald (Frühling), Meer (Sommer) und Bergen (Herbst), geht es nun erneut in die Berge, die sich jedoch jetzt im Winter in völlig anderem Kleid präsentieren als noch vor wenigen Monaten. Während uns im Oktober zwar auch schon einige Schneeflocken um die Ohren tanzten, heissen uns die Bündner Berge oberhalb von Sufers dieses Mal eingehüllt von einer meterhohen Schneedecke willkommen.

Am 23. Januar – es ist kurz vor 7:00 Uhr – sitze ich bereits im Zug, neben mir steht mein vollbepackter Rucksack und ich bin – nach meiner Winterexpedition in Polen im Dezember 2017 – bereit für ein nächstes Winterabenteuer. Ich habe gehörigen Respekt vor dem was mich in den nächsten Tagen erwartet, denn als Winterschwimmerin weiss ich wahrlich nur allzu gut was es heisst, wenn einem so richtig, richtig kalt ist. Und ich weiss, dass mir während den Tagen im Schnee auf gar keinen Fall einmal so kalt werden darf wie teilweise nach dem Schwimmen. Denn es wird keine Möglichkeit geben, sich drinnen im Warmen wieder aufzuwärmen. Ein kleiner aber entscheidender Unterschied.

Dieses Mal fühle ich mich ein wenig besser vorbereitet als vor dem letzten Modul – zwar nicht unbedingt in der Praxis, aber zumindest in der Theorie und was die Ausrüstung betrifft. Nach den Erfahrungen im Herbst-Modul mit nassen Füssen, zu wenig warmem Schlafsack und zu schwerem Rucksack habe ich nun wohl oder übel gehörig in meine Ausrüstung investiert und bestimmt an die 2000 Fr. ausgegeben für Hose und Jacke, Schlafsack, Mätteli, Rucksack und co. Dies mit durchaus etwas gemischten Gefühlen. Nicht unbedingt wegen den finanziellen Auslagen, sondern erstens, weil ich gerade dabei bin im Zusammenhang mit meinem bevorstehenden Umzug radikal auszumisten. Da erscheint es einem zwangsweise ein wenig seltsam, wenn man auf der einen Seite Dinge weggibt, aber auf der anderen Seite aber gleichzeitig wieder neues Zeug anhäuft. Zweitens – und das ist eigentlich das grundlegendere Thema, das mich in den Tagen vor dem Aufbruch beschäftigt – frage ich mich bisweilen, wozu der ganze Aufwand eigentlich gut ist. Wie sinnvoll ist es wirklich, mit einer Hightech-Ausrüstung vier Tage und drei Nächte im Schnee unterwegs zu sein, während anderswo Menschen am Leiden sind? Wäre meine Zeit nicht sinnvoller eingesetzt, indem ich wie gewohnt mit meinem Yogaunterricht, mit den Massagen und meinen sonstigen Aktivitäten den Menschen um ich herum etwas Gutes tun würde?

Eine definitive Antwort auf diese Frage habe ich vor Beginn des Moduls noch nicht gefunden, doch ich denke, dass es mir mit dieser Outdoor-Ausbildung in erster Linie darum geht, zu lernen, wie man Menschen schöne Erlebnisse in der Natur ermöglichen kann, die sie so alleine (noch) nicht machen könnten. Ich möchte ihnen quasi eine Horizonterweiterung im Aussen ermöglichen (im Vergleich zur Horizonterweiterung im Inneren, um dies es im Yoga geht). Schlussendlich ist es für mich ohnehin immer das Ziel, dass sich die Erlebnisse im Innen und im Aussen gegenseitig befruchten. Und dass die Erlebnisse in der Natur oft auch innere Prozesse anstossen, ist für mich ohnehin sonnenklar.

Kurz nach 10:00 Uhr ist es also endlich soweit und wir versammeln uns am Treffpunkt in Sufers, ausgerüstet mit Schneeschuhen und bepackt mit ziemlich schweren Rucksäcken und einer Pulka fürs Gruppenmaterial. Unser Treffpunkt liegt im Schatten und bereits ein erstes Mal werden Hände und Füsse kalt. Ein kleiner Vorgeschmack auf die nächsten Tage? Noch sind wir guter Dinge und erfreut über das Wiedersehen ziehen wir frohgemut los und erzählen uns während des Aufstiegs von unseren Erlebnissen der letzten Monate. Wir kommen zügig voran und nach einem guten Stück Weg machen wir knapp über der Waldgrenze Mittagsrast. Angesichts der angekündigten frostigen Temperaturen entscheiden wir uns, entgegen des ursprünglichen Plans, gleich vor Ort unser Camp zu bauen, so dass wir aufgrund der naheliegenden Bäume zumindest noch die Möglichkeit haben, ein wärmendes Feuer zu machen.

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Als nächstes erklärt uns Amadeo verschiedene Unterkunfts-Möglichkeiten mit mehr oder weniger vielversprechenden Namen wie «Hundehütte» oder «Wellness-Palast», die wir uns im Anschluss zu zweit oder zu dritt, ausgerüstet mit Schaufel, Sonde und Schneesäge selber im Schnee bauen sollen. Ich tue mich mit Stefie zusammen und wir entscheiden uns für die Variante Wellness-Palast, obwohl uns diese als eher luftig bzw. kalt angekündigt wurde. Doch noch scheint die Sonne und ich bin erpicht darauf, meinen neuen Schlafsack auf seine Kältetauglichkeit zu überprüfen. So wählen wir eine etwas erhöhte Hanglange und fangen an, uns in den Schnee hineinzugraben. Zuerst bauen wir uns eine Terrasse und anschliessend erfolgt der Bau der eigentlichen Schneeunterkunft mit traumhafter Aussicht. Der ganze Bau dauert wohl an die zwei Stunden und uns wird bald klar, warum dieses Modul in Outdoor-Guide Kreisen auch als «Schaufel-Modul» bekannt ist. 😉
Kaum sind wir mit unserem Bau fertig, geht auch schon die Sonne unter. Und mit dem Sonnenuntergang wird es schlagartig richtig, richtig kalt. Schnell holen wir unsere zusätzlichen Schichten aus dem Rucksack und tragen bald (fast) alles, was wir an warmen Kleidern dabei haben.

Gottseidank haben Amadeo und Reto in der Zwischenzeit bereits eine schöne «Gruppenunterkunft» in den Schnee gegraben – ein offener Kreis mit einem Feuer in der Mitte. Hier versammeln wir uns, nachdem alle mit dem Bau ihrer Unterkünfte (mehr oder weniger) fertig sind. Das Feuer spendet zwar etwas Wärme, doch der beissende Rauch, der gefühlt immer genau in meine Richtung bläst, gibt mir fast den Rest. Noch komme ich nicht auf die Idee, die Sonnenbrille als Rauchschutz zu montieren. Also entschliesse ich mich, der Abendessens-Crew ein wenig Hilfe zu leisten, die wohl auch etwas überrascht wird von der Kälte und ein ziemlich ambitioniertes Abendessen geplant hat, bei dem es noch viel Schnippelarbeit zu bewältigen gibt. Ich helfe beim Peperoni schnippeln und merke ein erstes Mal, wie kalt es wirklich ist. Nach jeder geschnippelten Peperoni-Hälfte muss ich wieder für einige Minuten Pause einlegen, um meine Hände in den Handschuhen aufzuwärmen. Den anderen KöchInnen geht es genau gleich, wodurch sich die Zubereitung des Abendessens beträchtlich in die Länge zieht und wir eine erste, wichtige Lektion lernen: Im Winter dauert alles viiieeel länger! Was wir hier lernen können ist Geduld und die Kunst der Langsamkeit…

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Nach dem Essen verkriechen wir uns bald in unsere Schneehöhlen und mummeln uns in unseren Schlafsäcken ein. Der Einstieg in meine Wellness-Unterkunft ist denkbar akrobatisch, da man sich darin nicht einmal aufsetzen kann, doch mir als Yogalehrerin sollte das ja eigentlich nicht weiter schwerfallen. Schnell merke ich, dass mein Schlafsack tatsächlich hält, was er verspricht und um Welten wärmer ist als der alte. Trotzdem kann ich lange nicht einschlafen, zu neu ist diese Erfahrung, in so einer Schneewand zu liegen und zu intensiv die Erlebnisse des vergangenen Tages. Ausserdem kündigt sich bald das allseits gefürchtete Druckgefühl in der Blase an, weswegen viele von uns in den folgenden Tagen ab 18:00 Uhr ihre Wasserzufuhr deutlich einschränken werden. Etwa um Mitternacht raffe ich mich schliesslich auf, mich aus dem Schlafsack herauszuschälen und werde dafür mit einigen Minuten absoluter Stille unter Mond und Sternen belohnt. Danach schlafe ich wie ein Murmeltier bis zum Morgen, an dem es natürlich vor Sonnenaufgang nach wie vor bitterkalt ist. Zuerst vergesse ich ganz, dass es ja mein Geburtstag ist, doch beim Eintreffen bei der Feuerstelle werde ich von den anderen Outdoor Guides daran erinnert und komme in den Genuss von einigen warmen Geburtstags-Hugs. 😊

Die Stimmung an diesem ersten gemeinsamen Morgen im Schnee ist gedrückt. Viele haben schlecht geschlafen, weil ihnen zu kalt war, weil sie sich in ihrer Schneehöhle wie in einem Sarg gefühlt haben oder weil sie mit anderen körperlichen Problemen wie Kopfschmerzen, Übelkeit etc. zu kämpfen haben. Auch mir wird kurzzeitig übel – wohl vor Schmerz wegen meiner kalten Füsse. Aus Faulheit hatte ich am Vorabend die Innenschuhe meiner Stiefel nicht in den Schlafsack hineingenommen mit der Folge, dass ich am Morgen in eiskalte Schuhe steigen musste. So lerne ich schnell eine nächste Lektion: Niemals aus Faulheit etwas Wichtiges unterlassen! Wer sich so verhält bezahlt nachher doppelt und dreifach dafür.
Um die Stimmung ein wenig zu heben, hole ich schnell meine Geburtstags-Brownies heraus und wir sind bereits vor dem Frühstück dankbar für diese leckeren Kalorien-Bomben. Überhaupt ist es unglaublich, wie viel wir während diesen Tagen im Schnee essen. Es kommt mir vor, als hätte ich noch nie in meinem Leben so viel gegessen wie während diesen vier Tagen und drei Nächten. Um warm zu bleiben, verbraucht der Körper wahrlich Unmengen an Energie.

Während des Frühstücks entscheiden sich drei Mitglieder unserer Gruppe leider für die Rückkehr ins Tal. Zu kräfteraubend war diese erste Nacht im Schnee. Wohl oder übel lassen wir sie ziehen und nicht wenige von uns hätten Lust, sich ihnen anzuschliessen. Eine spannende Frage stellt sich hier. Was entscheidet darüber, wer geht und wer bleibt? Ist es die Leidensbereitschaft? Der Stolz? Die Widerstandsfähigkeit? Vermutlich ist es bei den meisten von uns eine Mischung von alledem. Denn kalt ist (fast) allen – ein seltsam beruhigender Fakt. Ja, auch mir ist kalt – doch bei weitem nicht so kalt wie oftmals nach dem Winterschwimmen. Und es ist ja auch nicht immer gleich kalt. Und es gibt Mittel und Rezepte, um wieder warm zu werden: Etwas Warmes essen oder trinken, sich bewegen, sich eine Weile ans Feuer setzen… Mir scheint, es ist wie im Yoga bzw. in der Meditation. Es geht gar nicht darum, jetzt sofort nicht mehr kalt zu haben. Sondern einfach anzunehmen, was im Moment ist; im Wissen darum, dass auch dieser Zustand vorüber geht, sprich: dass es unweigerlich auch wieder wärmer werden wird. Das einzige Beständige im Leben ist ja bekanntlich der Wandel. So ist es auch hier… Und wie um meine Gedanken zu bestätigen taucht kurz nach 10:00 Uhr die Sonne hinter den Bergen auf und mit der Sonne kommt auch die ersehnte Wärme.

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Wir entscheiden uns, aufgrund der weiteren tiefkühlartigen Wetterprognose, nach wie vor vor Ort zu bleiben und in den Ausbau unseres Camps zu investieren. Wer will, kann ein Iglu bauen oder weiter an seiner bisherigen Unterkunft schaufeln und sägen. Hans-Jakob sucht nach der Abreise seiner beiden Mitbewohnerinnen nach Unterstützung für ein Upgrading seines Alpine Castles und nach einer kurzen Besichtigung ist mir schnell klar, dass diese Unterkunft auf jeden Fall zu den komfortabelsten gehört, die ich bisher gesehen habe. Insbesondere gefällt mir, dass man sich hier sitzend umkleiden kann und sich nicht wie ein Wurm in seine Höhle hineinschlängeln muss. Nach einigen Stunden wackerer Schaufel- und Sägearbeit bauen wir das Castle so aus, dass man nun sogar darin stehen kann. So freue ich mich richtiggehend auf die nächste Nacht. Den Abend davor verbringen wir bei einem weiteren gemeinsamen Mahl ums Feuer und das anschliessende Geburtstagslied bei bengalischen Zündhölzli berührt mich sehr.

Die Nacht im Alpine Castle verläuft wunderbar und ich staune einmal mehr, wie warm es in meinem Schlafsack ist. Kaum aus dem Schlafsack ausgestiegen, merke ich jedoch, dass es nach wie vor bitterkalt oder sogar noch kälter ist als am Vortag. Alles, was nicht im Schnee eingegraben, am Körper getragen oder während der Nacht im Schlafsack aufbewahrt wurde, gefriert unwiederbringlich. Die Thermoskanne lässt sich nicht mehr öffnen, Zahnpasta und Sonnencrème sind gefroren, das Handy gibt nach wenigen Minuten an der frischen Luft den Geist auf, das Gasfeuerzeug funktioniert nicht mehr etc. etc.
So ist ein wenig Bewegung nach dem Frühstück mehr als willkommen und wir machen uns auf zu einer Besichtigung der verschiedenen Unterkünfte, was sehr interessant und lehrreich ist. Anschliessend zeigt sich die Sonne und wir lernen einiges über den Schutz von Wildtieren, Routenplanung und Lawinenprävention bei Schneeschuhtouren etc.

Nach dieser Theorieeinheit drängt es sich auf, am Nachmittag eine solche Tour zu unternehmen und wir ziehen in Kleingruppen los, um uns an einem festgelegten Punkt wieder zu treffen. Unterwegs testen wir Hangneigungen und wechseln uns ab im Vorspuren. Der Abstieg erfolgt ein wenig adventure-like auf einer Direttissima durch den Wald – eine kleine Mutprobe für die einen, Routine für die anderen. Kaum sind wir zurück im Camp, geht auch schon wieder die Sonne unter und wir fühlen uns einmal mehr wie in einem Eisschrank. Manche von uns scheinen jedoch in der Zwischenzeit in dieser Kälte richtiggehend aufzublühen und haben sogar noch überschüssige Energie, um einen wärmenden Chai zu kochen, den wir anschliessend dicht an dicht zusammengekuschelt in der Polar-Jurte geniessen. Die Polar-Jurte – eine Unterkunft bestehend aus Schnee und zwei Notfallschirmen – erscheint mir nach meiner eigenen Unterkunft als zweitbeste Option. Die Iglus sind zwar auch nicht schlecht, doch erscheinen sie mir erstaunlich klein und mit recht mühsamem bzw. akrobatischem Ein- und Ausstieg.

Nach dem Chai in der Jurte verkriechen wir uns bald in unseren je eigenen Unterkünften und kochen individuelle Abendessen. Bei mir gibt es Polenta, angerührt mit Tomaten-Suppe und mit hineingeschnetzelter Seitan-Wurst. Hans-Jakob, Miguel und Dominik haben fixfertige Trekking-Nahrung dabei, die mehr oder weniger überzeugt. Nach dem Essen verkriechen wir uns früh in unsere Schlafsäcke und ich muss zuerst 30 min Fussgymnastik machen, um meine Füsse nach zu langer Bewegungslosigkeit während des Essens wieder einigermassen aufzuwärmen.

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Am nächsten Morgen klingelt mein Wecker bereits um 6:30 Uhr, da ich dran bin mit Frühstück machen. Schnell merke ich, dass es heute Morgen deutlich weniger kalt ist – ja es ist fast schon warm. Trotzdem dauert es eine Ewigkeit, den Schnee zu schmelzen und das geschmolzene Wasser zu erhitzen für Tee, Kaffee und Dinkelporridge. Dass das so lange dauert hätte ich wirklich nicht gedacht!
Nach dem Frühstück geht es schon bald an den Abbau bzw. das Aufhübschen unseres Camps, das evtl. weiteren uns nachfolgenden Outdoor Guide Gruppen als Basislager dienen wird. Ein wenig Wehmut breitet sich aus – wären wir nun nicht langsam so richtig akklimatisiert und ready für weitere Tage und Nächte im Schnee?

Vor dem Abstieg ins Tal machen wir noch eine kleine LVS-Übung, bei der wir möglichst schnell vergrabene Rucksäcke oder Drybags finden müssen, was gar nicht so einfach ist. Nach getaner Arbeit wandern wir zurück nach Sufers und mit kurzem Ausblick auf das Kanadier-Modul im April geht jeder von uns wieder seines Weges…

Nun ist es Sonntag und ich nehme mir heute noch frei. Bereits gestern Abend habe ich den Rucksack ausgepackt und mittlerweile ist alles gewaschen und wieder an seinem angestammten Ort. Noch hängt der unvermeidliche Rauchgeruch ein wenig in Wohnung und Jacken und erinnert neben ein paar rauen Stellen an den Händen an das bestandene Winter-Abenteuer.
Bereits ertappe ich mich dabei, wie sich meine Gedanken unwillkürlich an die Planung eines weiteren, eigenständigen Winterabenteuers machen. Wie kann das nur sein? Was zieht mich, nur wenige Stunden nach der Rückkehr aus der Kälte bereits wieder nach draussen? Sind all die Strapazen, all die Stunden mit kalten Hände und Füsse bereits wieder vergessen?
Tatsächlich funktioniere ich glücklicherweise so, dass ich mich im Nachhinein jeweils in erster Linie an die positiven Seiten einer gemachten Erfahrung erinnere. Das Schwierige und Negative tritt in den Hintergrund, wobei es natürlich sehr wichtig ist, dieses nicht zu verdrängen, sondern daraus zu lernen. Aber nichts desto trotz hallt bei mir das Schöne einfach intensiver nach…

Doch ich denke, es könnte auch etwas mit dem zu tun haben, das Reto während des Moduls einmal kurz erläutert hat. Während wir in der Runde um das wärmende Feuer sassen erwähnte er das bekannte Pyramiden-Modell der Bedürfnisbefriedung nach Abraham Maslow. Ganz unten, quasi an der Basis der Pyramide, stehen unsere physischen Bedürfnisse: also beispielsweise Essen und Trinken. An zweiter Stelle stehen die Sicherheitsbedürfnisse, gefolgt von den sozialen Bedürfnissen. Reto erläuterte, dass es im Wintermodul vor allem um die Befriedigung dieser ersten drei (von insgesamt fünf) Bedürfnisse gehe und dass es für uns moderne Menschen sehr sinnstiftend sein könne, sich (wieder einmal) mit diesen elementaren Bedürfnissen zu beschäftigen.
Wenn man während mehreren Tagen quasi ungeschützt draussen in der Kälte ist, merkt man unweigerlich, dass es hier ums Lebendige geht. Simple Dinge wie Essen und Trinken, ein sicherer und v.a. genügend warmer Platz zum Schlafen etc. gewinnen enorm an Wertigkeit und man realisiert bald, dass man (zumindest als Neuling im Winter-Biwakieren) alleine komplett aufgeschmissen wäre. Dadurch entsteht eine Verbundenheit in der Gruppe, die es in unserem modernen Alltag immer seltener gibt und die – so wage ich zumindest zu behaupten – viele von uns in ihrem Alltag, vielleicht sogar ohne es bewusst zu realisieren, dennoch (unbewusst) mehr und mehr vermissen.

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So schliesst sich langsam aber sicher der Kreis dieses nun doch etwas lange geratenen Berichts über meine Tage und Nächte im Schnee und wir sind wieder angelangt bei der Frage nach der Sinnhaftigkeit einer solchen Unternehmung. Neben den bereits erahnten oder gefundenen Antworten, taucht heute Nachmittag während eines kleinen Spaziergangs im Gespräch mit einem guten Freund noch eine weitere Antwort auf, die mir in meinem Arbeitskontext als Yogalehrerin von besonderer Bedeutung erscheint.
Immer wieder erlebe ich es in Yogakreisen, wie bekannten oder aufsteigenden Yoga-Persönlichkeiten der Erfolg zunehmend in den Kopf zu steigen scheint und wie die aus marktwirtschaftlicher Sicht durchaus nötige und verständliche Selbstvermarktung auf Social Media etc. doch mehr und mehr einen für mich unangenehmen narzisstischen Beigeschmack enthält.
Vor diesem Hintergrund kann ich es jedem Yogalehrer und jeder Yogalehrerin wärmstens empfehlen, einmal ein paar Tage und Nächte im Schnee zu verbringen. Während so einer Erfahrung kommt man blitzschnell wieder auf den Boden der Realität und merkt, dass der Mensch im grossen Ganzen des Kosmos ein absoluter Winzling ist und dass Mutter Natur für unser tägliches, ach so wichtiges Umherhetzen wohl nicht mal ein müdes Lächeln übrig hat… Man muss dafür übrigens nicht extra Outdoor-Guide werden. Bei planoalto gibt es auch ganz tolle Active Retreats für jedefrau und jederman…

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen guten Wochenstart mit erfrischenden Momenten in der Natur, mit herzerwärmenden und verbindenden Begegnungen und mit viel Dankbarkeit für die simplen und dennoch wichtigen Dinge im Leben wie Essen und Trinken und ein warmes Zuhause. 🙏

 

Gerda Imhof3 Comments