Kälte als Weg – Erster Teil: Winterschwimmen
Für heute, 3. Januar 2026 habe ich mir vorgenommen, wieder einmal etwas zum Thema «Kälte» zu schreiben. Schon länger geistert mir diese Idee im Kopf herum, insbesondere da ich auch in dieser Saison schon wieder mehrmals Medienanfragen zum Kälte-Thema hatte und mich die immer gleichen Fragen und Antworten langsam, aber sicher ein wenig zu langweilen beginnen. Nicht weil sie falsch oder schlecht wären, aber einfach weil sie für mich meist an der Oberfläche des Geschehens bleiben und das, was aus meiner Sicht wirklich spannend wäre, ausser Acht lassen.
Vor etwas mehr als acht Jahren begann ich den Weg der Kälte zu gehen – und heute spüre ich, dass es an der Zeit ist, diesen Weg zu würdigen, indem ich hier einige Erkenntnisse mit dir teile und im zweiten Teil auch vorausblicken werde auf das, was ich mit dem Thema Kälte in der nächsten Zeit noch so alles vorhabe.
WIE ALLES BEGANN
Obwohl ich im Winter Geburtstag habe – dann wenn der Vierwaldstättersee am kältesten ist – hatte ich lange Zeit meine liebe Mühe mit der kalten Jahreszeit. So gab es mehrere Episoden auf Snowboard-Touren oder auch einfach im Alltag beim Velofahren oder Spazieren im Winter, bei denen ich so kalte und schmerzhafte Hände bekam, dass es mir richtiggehend schlecht wurde davon (Raynaud-Syndrom). Und neben den körperlichen Problemen mit der Kälte, drückte der uns Luzerner:innen wohlbekannte Nebel im Winter zusätzlich auf meine Stimmung. Man könnte also sagen, dass ich aus einem gewissen Leidensdruck heraus den bewussten Kontakt mit der Kälte aufgenommen habe. Wohl aber war auch eine gehörige Portion Neugier, Abenteuerlust sowie eine gewisse Naivität mit am Start: «Was andere können, muss doch auch für mich möglich sein! Es gibt eigentlich keinen Grund, weshalb ich das nicht auch lernen könnte…»
Der Anfang des Wegs war bekanntermassen geprägt durch die Wim Hof Kälte-Expedition nach Polen im Dezember 2017. Über diese Woche wurde andernorts schon mehrfach geschrieben (zum Beispiel hier). Wichtig ist mir an dieser Stelle zu sagen, dass nicht in erster Linie Wim Hof die Woche zu einer lebensverändernden Erfahrung machte, sondern die beiden Wim Hof Trainer Bart Dankers und Daniel Kluken, die mir in dieser Woche noch viel mehr mitgegeben haben, als was im «Wim Hof Curriculum» normalerweise enthalten ist. Insbesondere Bart hat sich die Zeit genommen, mit mir und anderen auch im 1:1-Setting schamanisch zu arbeiten, was ganz entscheidend zur Gesamterfahrung beigetragen hat.
Was ich in Polen erlebt habe, hat mein Leben entscheidend geprägt und ist mir bis heute so lebhaft präsent, dass ich nur die Augen zu schliessen brauche und gleich wieder eintauchen kann in die Erlebnisse und Schauplätze von damals. Am nachhaltigsten in Erinnerung sind mir insbesondere die Kälte-Wanderungen. Sowohl die finale Besteigung von Mt. Sniezka bei -15 Grad Celsius, als auch die Test-Wanderung davor, wo das Wetter ebenfalls sehr unwirtlich war, haben sich mir tief eingeprägt. Aus diesem Grund möchte ich im nächsten Blog-Post vor allem über Kälte-Wanderungen und Kälte-Meditation schreiben. Wenn du mehr über meine Erkenntnisse nach acht Jahren Winterschwimmen erfahren möchtest, kannst du hier weiterlesen.
FÜNF ERKENNTNISSE NACH ACHT JAHREN WINTERSCHWIMMEN
Seit ich mit Winterschwimmen angefangen habe, ist daraus Jahr für Jahr ein immer grösserer Hype geworden. Mittlerweile ist wohl in jeder Schweizer Zeitung, Radio- und Fernseh-Station, aber auch in zahlreichen Versicherungs- und Kundenzeitschriften darüber berichtet worden. Bei uns in Luzern hat dieser Hype dazu geführt, dass unsere Schwimm-Treffs sich ebenfalls Jahr für Jahr zunehmender Beliebtheit erfreuten und daraus 2024 der Verein «The WinterSwimmers» entstand. Was hat sich verändert und was nehme ich mit aus diesen acht Wintersaisons?
Erstens: Das Wasser ist immer noch kalt!
Es ist nicht so, dass ich auf einmal auf magische Weise meine Körpertemperatur anheben könnte oder mir im Winter nie mehr kalt wäre. ABER: Mein Verhältnis zur Kälte hat sich seit Beginn der Kälte-Erfahrungen grundlegend verändert. Ich sehe die Kälte schon lange nicht mehr als Feindin, sondern als Freundin und Lehrerin. Sie ist klar, direkt und echt. Sie nimmt mir alles Überflüssige ab und zeigt mir wieder das, worum es eigentlich geht im Leben. Sie kann bisweilen auch ziemlich streng, herausfordernd und konfrontativ sein. Daher muss man ihr stets mit grossem Respekt begegnen!
Was sich abgesehen davon auch noch verändert hat, ist das Problem mit den kalten Händen und Füssen. Ich habe zwar immer noch ab und zu kalte Hände und Füsse, aber es ist kein Vergleich mit früheren Zeiten. Das Raynaud-Syndrom ist zu 95% verschwunden.
Zweitens: Dank Winterschwimmen nie mehr krank ist Humbug!
Auch nach acht Saisons des Winterschwimmens gibt es bei mir und allen Winterschwimmer:innen, die ich kenne, immer noch die gelegentliche Winter-Erkältung. Diese setzt bei mir interessanterweise immer genau dann ein, wenn ich mit der Büroarbeit nicht mehr nachkomme. Man kann also nicht erwarten, dass das Winterschwimmen eine Art Magic Cure für alle körperlichen und seelischen Leiden ist. Wenn man es sonst im Leben übertreibt, z.B. mit zu wenig Schlaf, zu viel Stress oder anderweitig ungesunden Lebensumständen kann einen die Kälte im wahrsten Sinne des Wortes kalt erwischen.
Oftmals sind die Erkältungen bei Winterschwimmer:innen aber weniger stark ausgeprägt und gehen schneller wieder vorbei.
Vielleicht ist es auch eine Art Wechselwirkung: Um Winterschwimmen gehen zu können, muss ich körperlich zumindest einigermassen fit sein. Und weil dieses Schwimmen ja so toll ist, ist mir wiederum daran gelegen, darauf zu achten, dass es mir körperlich gut genug geht, um weiter winterschwimmen zu können. :-)
Drittens: Jede Saison ist anders!
Aus einer erfolgreichen/leichten Saison kann man nicht automatisch darauf schliessen, dass es in der nächsten Saison wieder gleich einfach sein wird. Jeder Winter ist anders und auch ich bin in jedem Winter wieder anders parat. Anfang März 2024 haben wir zu acht an den Winterschwimmer-Weltmeisterschaften in Tallinn teilgenommen. Das war seit Wim Hof definitiv einer der kältesten Events und ich war sehr gut trainiert, so dass ich es wirklich geniessen konnte und als weitere unvergessliche Lebenserfahrung würdigen darf. Trotzdem wurde die darauffolgende Saison 2024/2025 zu einer der schwierigsten Saisons überhaupt. Ich war in besagtem Winter in einer grossen inneren Umbruchsphase, fühlte mich teilweise sehr fragil und war infolgedessen auch gesundheitlich nicht auf der Höhe. Dank unserer tollen WinterSwimming Community habe ich jedoch schlussendlich auch diese Saison gut überstanden und freue mich sehr, dass es in der aktuellen Saison wieder so richtig Spass macht und mir vergleichsweise leichtfällt, der Kälte zu begegnen.
Viertens: Weniger kann oft mehr sein!
Anfänglich gepusht durch Wim Hofs Wettbewerbsorientierung liess ich mich auch ab und zu dazu verleiten, zu lange im Wasser zu bleiben. Dafür verurteile ich mich nicht und es ist auch ok, gelegentlich mal ein wenig mit den eigenen Grenzen zu verhandeln. Wenn man das aber zu oft macht, schwächt es meiner Meinung nach den Körper mehr als es ihn stärkt. Wahre Meisterschaft im Winterschwimmen ist für mich nicht, wer wie lange schwimmen oder baden kann, sondern immer genauer zu spüren, was an einem bestimmten Tag, zu genau dieser Zeit, bei genau diesen Wetterverhältnissen und bei genau dieser Tagesform die richtige Dosierung ist.
Fünftens: Die eine «richtige» Art des Winterschwimmens gibt es nicht!
Im Grunde verhält es sich mit dem Winterschwimmen ein wenig wie mit dem Yoga. Yoga kann ich auf ganz verschiedene Arten praktizieren. Manchmal meditativ-versunken, manchmal dynamisch mit Musik, manchmal vielleicht auch einfach als ein paar Stretching- oder Kräftigungsübungen für zwischendurch. Ist das eine besser als das andere? Nein! Es sind einfach unterschiedliche Herangehensweisen mit unterschiedlichen Absichten. Genauso verhält es sich für mich mit dem Winterschwimmen: Ich kann es meditativ-versunken erleben oder ich kann es als Plausch-Event gestalten, mit anderen Schwimmer:innen im Wasser lachen, schreien, herumplanschen und einfach eine gute Zeit haben. Ist das eine besser als das andere? Nein, es sind einfach verschiedene Arten, die Kälte zu erleben. Manchmal macht es mehr Spass in der Begegnung mit anderen und manchmal ist es schön, einfach in Stille den Moment zu geniessen. Mein persönliches Ziel ist es, dass ich mich im Wasser entspannen kann. Und manchmal geht das Entspannen mit gemeinsamem Lachen und Planschen eben genauso gut, wenn nicht sogar besser, als beim stillen Verweilen in meditativer Haltung.
Folglich braucht Winterschwimmen auch keine Methode und keine Technik. Was es hingegen braucht, ist Erfahrung und Wissen, wie man der Kälte auf eine angemessene und sichere Art begegnen kann.
Unsere menschlichen Körper sind so konzipiert, dass sie (für kurze Zeit) im kalten Wasser problemlos überleben können. Diese biochemischen Mechanismen und Überlebensreflexe haben wir alle. Wer noch nie im kalten Wasser war, kann es sich einfach nicht vorstellen, da es etwas ganz anderes ist als beispielsweise unter einer kalten Dusche zu stehen. Aus diesem Grund braucht es eigentlich keine Methode, um sich im kalten Wasser aufzuhalten, abgesehen vielleicht von dem sehr wichtigen Tipp, insbesondere beim Reingehen ins Wasser langsam auszuatmen. Mit der Zeit wird jede Schwimmerin und jeder Schwimmer seinen/ihren eigenen Stil des Winterschwimmens oder -badens entwickeln, was ich persönlich viel schöner finde, als wenn alle einfach das Gleiche machen.
Ich erinnere mich an den Winter 2018, den bisher kältesten Winter in Luzern, seitdem ich mit dem Winterschwimmen begonnen habe. Es war der einzige Winter in den letzten Jahren, wo die Wassertemperatur im Luzerner Seebecken während mehreren Tagen auf 4 Grad Celsius sank. Ich erinnere mich an jenen Tag im Januar, wo ich einen guten Freund und sozusagen meinen ersten «Winterschwimmer-Schüler» mit in den See nahm. Die Lufttemperatur war unter Null und es war wirklich garstig. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, welche Instruktionen ich gegeben habe. Viele dürften es aufgrund der kalten Temperaturen nicht gewesen sein. Auf jeden Fall ist er komplett untrainiert und ohne mit der Wimper zu zucken einfach in den See gestiegen und sogar geschwommen. Wie hat er das geschafft? Erstens: Er wollte es. Er hat sich bewusst und freiwillig dazu entschieden. Das ist ganz wichtig. Zweitens: Er hat seinem Körper vertraut, dass dieser das kann. Drittens: Er hatte keine Herzprobleme, denn dann wäre das Winterschwimmen für ihn kontraindiziert gewesen. Viertens: Er hat mir vertraut, dass ich einen sicheren Rahmen für seine Erfahrung gestaltet habe und da bin, falls etwas Unerwartetes geschehen sollte.
Solche Erlebnisse hatte ich bisher viele weitere Male. Es ist nach wie vor immer wieder etwas Besonderes für mich, einen Menschen das erste Mal in einen kalten See oder Bach begleiten zu dürfen. Gerade gestern Abend wieder ist ein Mann bei unserem alljährlichen Neujahrs-Schwimmen zum ersten Mal in seinem Leben und auch noch bei Dunkelheit in den knapp 7 Grad kalten Vierwaldstättersee gestiegen. Ohne zu zögern. Wie wenn es gar nichts Besonderes wäre.
Und das ist es eben doch. Obwohl es (fast) jeder kann, macht es eben doch nicht jeder …