Kälte als Weg – zweiter Teil: Kälte-Wanderung und Kälte-Meditation
Nachdem sich der vorherige Blog-Post dem vielerorts vertrauten Thema Winterschwimmen widmete, möchte ich nun den noch weniger bekannten Formen der Kälte-Erfahrung meine Aufmerksamkeit schenken. Eigentlich wollte ich von Anfang an über Kälte-Wanderungen und Kälte-Meditation schreiben, landete dann aber doch immer wieder beim Winterschwimmen. Es ist einfacher übers Winterschwimmen zu schreiben als über Kälte-Meditation und Kälte-Wanderungen, weil es bekannter ist, weil es eine eigentümliche Anziehungskraft hat und weil ich damit von allen Möglichkeiten der Kälte-Exposition ganz einfach auch die meiste Erfahrung habe.
ALLES, NUR NICHT TUMMO!
Nichtsdestotrotz haben mich von Anfang an neben dem Schwimmen auch andere Möglichkeiten der Kälte-Erfahrung interessiert und ich habe diese immer parallel zum Winterschwimmen mal etwas aktiver, mal etwas weniger intensiv praktiziert und verfolgt. So war ich zum Beispiel mehrmals mit Carole Dalmas und Cécile Baudin von TumoSpirit (die Webseite gibt es mittlerweile nicht mehr) in der Kälte unterwegs. Insbesondere in bleibender Erinnerung ist mir ein Kälte-Retreat der beiden im Hotel Balance im Wallis, bei dem wir die verschiedenen Disziplinen Winterschwimmen, Kälte-Meditation und Kälte-Wanderung praktizierten. Carole und Cécile hatten einen ganz anderen, yogischeren Ansatz als Wim Hof und es war insgesamt eine weniger krasse, aber auch eine sehr schöne und nachhaltige Erfahrung.
Zugegebenermassen war ich jedoch im Anschluss an dieses und weitere Retreats bei den beiden Kälte-Enthusiastinnen stets etwas enttäuscht, dass wir zu keiner Zeit das tibetische Tummo – die Erweckung des inneren Feuers – lernten oder übten, sondern jeweils nur die Vorübungen davon, obwohl sie das Wort “Tumo” ja sogar in ihrem Firmennamen stehen hatten!
Mittlerweile ist mir natürlich schon lange klargeworden, dass man Tummo unmöglich in einem Wochenend-Seminar lernen kann. Ich habe in den letzten Jahren verschiedene erfolglose und teilweise schon fast komödiantisch anmutende Versuche unternommen, Tummo zu lernen. Entweder waren die Lehrer schon zu alt (z.B. Maurice Daubard, der oberhalb von Zinal auf 2500m am frühen Morgen vor Sonnenaufgang in spärlicher Bekleidung alles lehrte, nur nicht Tummo) oder sie unterrichteten nicht das, was sie auf ihrer Webseite als Inhalt des Seminars anpriesen (z.B. Loten Dahortsang). Auch mein mehrere Jahre dauerndes diszipliniertes Tibetisch-Studium an der Universität Bern brachte mich der Tummo-Erleuchtung kein Stückchen näher!
Nach dieser erfolglosen Tummo-Odyssee kam ich unter anderem durch die Lektüre von einigen Büchern und wissenschaftlichen Artikeln glücklicherweise nach einigen Jahren zum Schluss, dass Tummo vielleicht wirklich zu den wenigen noch bestehenden Praktiken gehört, die man bei uns im «Westen» nicht einfach so aus einem Buch, einem youtube-Video oder eben an einem Wochenende-Seminar lernen kann. Tummo (tib. gtumo oder auch Tumo/Toumo) ist eine fortgeschrittene tantrische Praxis aus dem tibetischen Buddhismus, die meiner Meinung nach jahrelange Übung und vermutlich einen längeren Aufenthalt in Nepal, Bhutan oder Tibet erfordern würde. Bisher war der Ruf noch zu wenig stark, als dass ich eine solche Reise auf mich hätte nehmen wollen, zumal das Erzeugen von Wärme bei der Tummo-Praxis nur ein Nebenprodukt und nicht das eigentliche Ziel der Sache ist.
Vielleicht hat eine gewisse Konsternation auf dem Tummo-Weg ein Stück weit dazu beigetragen, dass ich Kälte-Wanderungen und Kälte-Meditation in den letzten Jahren ein wenig aus den Augen verloren hatte. Und das, obwohl ja – wie im letzten Blog-Artikel erwähnt – bei meiner «Kälte-Initiation» in Polen die Wanderungen ohne jegliches Tummo eigentlich das tollste Erlebnis von allem gewesen waren.
Erst im Herbst 2024 habe ich den Faden der Kälte-Wanderungen wieder ernsthafter aufgenommen, unter anderem auch deshalb, weil mich Beni Imhof vom Kälte-Netzwerk Brunnen angefragt hatte, ob ich nicht eine Kälte-Wanderung am Tell-Winterschwimmen leiten könnte. Obwohl nur eine kleine Wanderung, war das wieder ein so toller Event, dass ich danach im Winter 2024/2025 noch weitere Kälte-Wanderungen anbot, eine davon begleitet vom Magazin «Das Wandern».
WAS IST DER UNTERSCHIED ZWISCHEN KÄLTE-WANDERUNGEN UND WINTERSCHWIMMEN?
Eine Kälte-Wanderung ist eine spezielle Art der Kälteexposition, bei der Menschen in reduzierter Bekleidung, oft in Shorts und T-Shirt oder nur in Badebekleidung, durch eine kalte Umgebung, z.B. im Schnee oder bei niedrigen Temperaturen, spazieren oder wandern gehen. Während bei der Kältewanderung die körperliche Bewegung und die lange, mässige Kälteexposition im Vordergrund stehen, bietet das Winterschwimmen eine extremere, jedoch kurzzeitigere Form der Kälteexposition. Auf einer Kälte-Wanderung hat man viel mehr Zeit, mit der Natur und der Kälte in eine Begegnung und Beziehung zu kommen als beim nur wenige Minuten dauernden Winterschwimmen. Das Winterschwimmen/Eisbaden ist für den Körper so extrem, dass sofort die wichtigen Überlebensmechanismen eingeschaltet werden, die das Kopfkino innert kürzester Zeit auf Sparflamme runterdimmen. Das ist super und auch ein Hauptgrund, warum Winterschwimmen mental so befreiend sein kann und die Möglichkeit eröffnet, endlich mal für einige Minuten bis Stunden Ruhe zu haben vom ansonsten meist allzeit bereiten Monkey Mind.
Die mentale Herausforderung bei einer Kältewanderung hingegen besteht darin, die Kälte über eine längere Zeitdauer auszuhalten und dabei ruhig und konzentriert zu bleiben. Durch den stetigen Rhythmus des Gehens entsteht zumindest eine gewisse Wärme von innen, während der Geist lernt zwischen Unbehagen und echter Grenze zu unterscheiden (Die warmen Kleider werden stets im Rucksack mitgetragen und können bei Bedarf jederzeit angezogen werden).
Wie beim Winterschwimmen die Wassertemperatur spielt beim Kältewandern die Wetterlage und die Lufttemperatur eine enorme Rolle, und bestimmt, ob es ein eher plauschmässiges Erlebnis wird, das (vor allem für trainierte Winterschwimmer:innen) bubieinfach scheint oder ob es doch etwas anspruchsvoller bis hin zu richtiggehend schwierig wird. Besonders wenn die Temperaturen unter null sinken und noch Wind dazukommt, ist auch mit einer Kälte-Wanderung nicht zu spassen und man sollte unbedingt die vom Kälte-Netzwerk publizierten Regeln dazu beachten.
Wie das Winterschwimmen kann auch das Kälte-Wandern richtiggehend euphorische Gefühle erzeugen, was nüchtern betrachtet mit den ausgeschütteten Glückshormonen zu tun hat, andererseits kann es wirklich auch zu einer spirituellen Einheits-Erfahrung in der Natur führen, wenn ich mich so frei und mit so wenig «Kleider-Barrieren» in einer winterlichen Umgebung bewegen kann.
LAST BUT NOT LEAST: DIE WIEDERENTDECKUNG DER KÄLTE-MEDITATION
Die Kälte-Meditation ist sicherlich die am wenigsten bekannte Form der Kälte-Erfahrung und auch diejenige Form, bei der ich seit jeher am meisten Respekt davor hatte, andere Menschen darin anzuleiten, obwohl ich bereits 2018 erste Kälte-Meditationen für meine Winterschwimmer-Kolleg:innen angeboten hatte. Es waren eigentlich von Anfang an tolle Erfahrungen, so dass ich im Nachhinein selber nicht mehr genau nachvollziehen kann, warum ich wieder damit aufgehört habe. Vermutlich hat es doch auch mit den bereits beschriebenen gescheiterten Tummo-Versuchen zu tun. Ohne Tummo zu beherrschen hatte ich plötzlich das Gefühl, keine Kälte-Meditationen mehr anbieten zu können, da ich eben – ähnlich wie viele Menschen es vom Winterschwimmen denken – das Gefühl hatte, dass es für die Kälte-Meditation eine bestimmte Technik oder Methode bräuchte. Wenn schon keine Wim Hof Methode, wenn schon kein Tummo, dann müsste ich irgendwie selber eine Methode entwickeln und so lange ich diese noch nicht gefunden hätte, gäbe es auch keine Kälte-Meditation…
Und dennoch war mir irgendwie immer klar, dass die Kälte-Meditation für mich auch dazugehört, wenn nicht vielleicht sogar das eigentliche Herzstück des Ganzen bildet. ❤️🔥
Mein bevorstehendes erstes Kälte-Retreat im Februar 2026 vor Augen, sah ich mich im vergangenen Herbst herausgefordert, mich der Kälte-Meditation erneut zuzuwenden. Und auf unerwartete Weise fand ich plötzlich einen gänzlich neuen Zugang dazu. Manchmal kann es wirklich gut sein, etwas für eine Weile ruhen zu lassen, um dann wieder neu darauf zuzugehen…
Anfangs Dezember leitete ich ein kleines Probe-Kälte-Retreat im Jurtendorf bei Luthern Bad und dort hat es endlich «Klick gemacht». Zusammen mit einer Winterschwimmer-Freundin meditierten wir an einem wunderschönen Ort im Wald eine halbe Stunde lang bei etwa null Grad Aussentemperatur. Es war nicht das Ziel eine halbe Stunde auszuharren oder einen neuen Rekord aufzustellen, es hat sich einfach ganz natürlich so ergeben. Auch das Tummo hatte ich in der Zwischenzeit gänzlich losgelassen. Aber was haben wir dann stattdessen gemacht? Im Grunde genommen NICHTS!
Es war einfach eine stille Praxis des Dableibens. Eine Begegnung mit der Natur und der Kälte nicht als Gegnerin, sondern als Freundin und Lehrerin. Im stillen Verweilen habe ich erkannt, dass es für mich in der Kälte-Meditation nicht mehr darum geht, die Kälte wegzumachen, sondern zu lernen dazubleiben und auch im Unangenehmen Geborgenheit und Trost zu finden. Atem, Körperempfindungen und Aufmerksamkeit wurden zu Ankern, die es uns erlaubten, die Kälte und den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen, ohne in den Widerstand zu gehen. Die Kälte forderte uns heraus, im Körper zu bleiben, ohne zu fliehen und schenkte uns einen klaren Fokus im Hier und Jetzt.
Das alles kann man heutzutage auch auf ChatGPT und co. ganz einfach und schnell nachlesen. Und doch bin ich dankbar für die eigene Erfahrung. Die Meditation im Wald beim Jurtendorf war eine von den besondersten und wertvollsten Kälte-Erfahrungen der letzten Jahre.
Im Nachhinein betrachtet scheinen wegweisende Erkenntnisse oft banal. Ein weiteres Puzzle-Stück in meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Kälte-Meditation hatte ich paradoxerweise vor Kurzem in der Schwitzhütte. In einer Schwitzhütte oder auch in einer ganz gewöhnlichen Sauna geht es ja auch nicht darum, die Hitze wegzumachen. Niemand würde auf die Idee kommen, das versuchen zu wollen. Warum dachte ich dann, dass ich in der Kälte versuchen müsste, die Kälte wegzumachen? Ist es nicht eigentlich viel nützlicher – auch für den Transfer in den Alltag – die Kälte zuzulassen und mit ihr eine tragfähige Beziehung aufzubauen?
Meine eigene Beziehung mit der Kälte besteht nun schon seit einigen Jahre und hat in dieser Zeit bereits die eine oder andere Beziehungskrise erfolgreich überstanden. Mit unserem tollen Verein The WinterSwimmers ist daraus ein erster Sprössling entstanden, der sich prächtig entwickelt und gedeiht. Als Präsidentin werde ich zusammen mit meinen Winterschwimmer-Kolleg:innen auch weiterhin meine Kraft und Zeit in diesen wunderbaren Verein investieren. Daneben möchte ich aber auch die weiteren, noch zarteren Sprösslinge der Kälte-Wanderungen und Kälte-Meditation hegen und pflegen und in eigenen Kälte-Retreats meine weiteren Passionen des Yogas, des Singens und des Tanzens mit den Kälte-Erfahrungen zusammenführen.
Bestimmt werde ich in den nächsten Jahren noch viele weitere Lernerfahrungen auf dem Weg der Kälte machen, denn dieser Weg geht weiter und führt mich schon bald nach Morschach zum ersten «offiziellen» Kälte-Retreat, auf das ich mich bereits jetzt sehr freue! Falls es dich auch gluschtet, es hat noch freie Plätze.
Weitere kürzere und längere Kälte-Erfahrungen findest du jeweils im Kalender oder auch auf winterswimming.ch. Es würde mich sehr freuen, meinen Enthusiasmus für das Thema Kälte mit dir zu teilen, sei es beim Winterschwimmen, bei einer Kälte-Wanderung oder bei einer Kälte-Meditation.
NACHTRAG
Obwohl schon oft erzählt, möchte ich auch hier noch einmal einen besonderen Dank meinem Grossvater aussprechen, der mich schon als Kind neben dem Yoga auch mit der Kneipp-Methode vertraut machte. Des Weiteren danke ich auch meinem Vater, der als junger Mann am Weihnachtsschwimmen in Genf teilnahm und mit seinen heroischen Erzählungen davon meine Neugier auf die Kälte weiter anfachte. Last but not least meiner Freundin Anna aus Arosa, einer Kältepionierin der ersten Stunde, und meinem damaligen Partner Andrew, der die gloriose Idee hatte, im Dezember 2017 nach Polen zu reisen…