Eine kleine Anekdote aus dem Leben eines angehenden Outdoor Guides

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Oder: Warum es sich lohnt, hin und wieder andere Menschen um Hilfe zu bitten

Fast einen Monat ist es her seit meinem letzten Blog-Beitrag. Ein Monat voller intensiver und lehrreicher Begegnungen und Erlebnisse liegt hinter mir. Die Erfahrungen, die ich in den letzten 30 Tagen machen durfte, sind so vielfältig, dass es mir nun schwerfällt, etwas davon herauszupicken, um darüber zu schreiben. Was war am eindrücklichsten, am lehrreichsten, was bleibt nachhaltig in Erinnerung? Mit dieser Frage im Hinterkopf taucht ein intensives Erlebnis während der Kajakwoche auf, über das ich heute berichten möchte.

Wie manchen von euch bekannt sein dürfte, fand Ende Juli die zweite Ausbildungswoche meiner Ausbildung zum Outdoor-Guide statt.
Nach der Einführungswoche im Wald, die im April über die Bühne ging, stand nun eine Woche Seekajaken auf den finnischen Aaland-Inseln auf dem Programm. Die Aaland-Inseln sind eine Inselgruppe zwischen dem schwedischen und finnischen Festland, die aus über 6000 kleineren und grösseren bewohnten und unbewohnten Inseln (sog. «Schären») besteht. Ein ideales Terrain also, um täglich mit dem Kajak neue, unbewohnte Inseln anzusteuern.

So vielfältig und unterschiedlich die einzelnen Inseln bei näherer Betrachtung auch sein mögen – vom Wasser aus sehen die meisten fast gleich aus – so viel wird uns Outdoor-Lehrlingen schon in den ersten Tagen schnell bewusst.
Und ehe man sich versieht, hat man sich bereits im Insellabyrinth verfahren und keine Ahnung mehr, wo man sich auf der Karte gerade befindet.
Klar, es gibt heute google-maps und gps – aber was, wenn einmal der Strom alle ist, das Gerät kaputt oder ohne Empfang?
Für derlei Situationen dient nach wie vor der Kompass, mit dem man die gewünschte Insel zuverlässig anpeilen kann. Wie das genau geht, davon habe ich jedoch vor dem Kursstart keine Ahnung.
Ja, irgendwann in meiner Jugend wurde mal OL gelaufen mit Karte und Kompass, aber davon scheint nicht mehr allzu viel hängengeblieben zu sein in meinem Oberstübchen.
So verlasse ich mich darauf, dass ich das Navigieren mit Karte und Kompass dann wohl oder übel im Kurs erlernen werde und hoffe, dass nicht allzu viele Vorkenntnisse verlangt werden.

Tatsächlich erhalten wir dann auch bereits am zweiten Kurstag eine sehr anschauliche Darstellung zu Theorie und Praxis des Koordinaten-Systems, aufgezeigt anhand einer Wassermelone, die als «Welt» herhalten muss und am Schluss aufgegessen wird. ;-)
Doch oh Schreck – kaum ist diese erste Theorie-Session vorbei, geht es bereits richtig zur Sache! Jeweils eine Person muss für eine Stunde die 20-köpfige Gruppe auf der Weiterfahrt führen bzw. guiden, inklusive einer kurzen Speech am Anfang und am Ende der Führungssequenz.
Das finde ich einerseits eine sehr gute Übung – denn schliesslich wollen wir ja Outdoor Guides werden, andererseits kommt es doch zu einem sehr frühen Zeitpunkt, an dem ich mich dieser Aufgabe eigentlich noch alles andere als gewachsen fühle. Nach jeder Führungssequenz gibt es ausserdem eine mündliche Auswertung in der Gruppe, während der man Feedback zum eigenen Führungsverhalten erhält.

Glücklicherweise darf man sich freiwillig melden (oder eben nicht) und wie so oft in solchen Situationen ertönt die Stimme meiner Ur-Oma in meinem Kopf, deren Wahlspruch für alles Unangenehme «Tu’s gleich!» lautete. Also nehme ich all meinen Mut zusammen und melde mich als vierte «Guidin» für eine Führungssequenz. So habe ich immerhin das Glück, bei meinen drei VorgängerInnen schon einige Hinweise darauf zu bekommen, was zu tun und was zu unterlassen ist. Ausserdem bringe ich, was das Thema Führen betrifft, doch schon einiges an Erfahrung mit, das mir jetzt zu Gute kommt.

Gerade angesichts dessen, dass ich im Navigieren noch alles andere als ein Profi bin, weiss ich von Anfang an, dass ich diese Aufgabe delegieren muss. Und zwar nicht nur an eine Person, sondern an ein Team bestehend aus einer Hauptnavigatorin und einem Co-Navigator. In den Führungssequenzen meiner VorgängerInnen hat sich ausserdem gezeigt, dass man eine Gruppe von 20 Personen auf dem Wasser unmöglich alleine im Griff haben kann, da die Distanz zwischen dem vordersten und dem hintersten Paddler meist schnell sehr gross wird. Kommt noch dazu, dass ich auch kein Kajak-Profi bin und nicht eben schnell das Feld von hinten her aufrollen kann.
Also ernenne ich eine Co-Chefin, die für mich das hintere Feld im Auge behält und mir bei Bedarf wichtige Infos von hinten übermitteln kann. Schliesslich ernenne ich noch einen erfahrenen Kajaker als Besensammler, der ganz zuhinterst fährt und schaut, dass auch sicher alle mitkommen. So sollte mein Team gut aufgestellt sein, denke ich und schaue zuversichtlich auf die kommende Stunde.

Kaum bin ich jedoch mit meiner Planung fertig, teilt mir einer unserer Leiter mit, dass wir bereits in 10 Minuten weiterfahren sollten. Wer unsere Gruppe kennt, weiss dass das sehr ambitioniert ist. Bis alle ihre sieben Sachen beieinander und wieder in den Kajakluken verstaut haben, dauert es meist eine ganze Weile. Also entscheide ich mich kurzerhand, meine Antrittsrede gleich auf dem Wasser zu halten – so sind zumindest schon mal alle abfahrbereit. Eine Entscheidung, die ich jedoch schnell bereue. Zwar schaffen es alle innert nützlicher Frist auf dem Wasser zu sein, doch in der Bucht herrscht eine unerwartet starke Strömung, die die Besammlung als Gruppe nicht gerade erleichtert. Mitten in meiner Speech überreicht mir unser Leiter dann auch noch ein Walkie-Talkie, von dem ich nicht so recht weiss, wie ich es bedienen soll und einen Funkernamen sollte ich mir auch noch spontan ausdenken. So steigt das Stresslevel gleich zu Anfang doch bereits beträchtlich!

Schliesslich gelingt es mir aber doch, mich an alle wesentlichen Punkte zu erinnern, die ich der Gruppe mitteilen wollte, wir paddeln los und das mit dem Walkie-Talkie erweist sich wie erhofft als kinderleicht.
So far, so good… Ich habe Glück, denke ich – meine Sequenz findet nach dem Mittagessen statt – es ist schönes Wetter, die Gruppe ist wohlgenährt und gut gelaunt, und der Zielort – eine Wasserstelle – ist allen bekannt. Ausserdem führt uns die Route durch ein sehr schönes Gebiet kleinster Inselchen. Dass dies jedoch die Navigation nicht unbedingt erleichtert, zeigt sich schon sehr bald. Auf einmal bemerke ich, dass meine Hauptnavigatorin und mein Co-Navigator in unterschiedliche Richtungen unterwegs sind. Netterweise verrät mir unser Leiter, welche Richtung die richtige ist und von da an läuft alles wie geschmiert bis zur Ankunft bei der Wasserstelle und der anschliessenden Übergabe an die nächste Führungsperson.

Die Auswertung meiner Führungssequenz erfolgt dann am Abend und fällt überraschend positiv aus. Ich selber war eigentlich mit meiner Performance nicht so zufrieden gewesen, da ich mir gewünscht hätte, das Ganze noch ein wenig lockerer und humorvoller gestalten zu können. Doch im Nachhinein betrachtet, verlangte ich damit vielleicht ein wenig viel von mir. Eine Gruppe in einem unbekannten Gebiet anzuführen, in deiner Disziplin, in der man selber noch nicht wirklich sattelfest, sondern noch am Lernen ist, war doch eine rechte Herausforderung. Dabei noch total locker und cool zu bleiben erfordert schon fast übermenschliche Fähigkeiten, wie mir scheint.
Dass das Ganze trotz der Herausforderung gut verlaufen ist, war meiner Meinung nach nur möglich, da ich mir von Anfang an die nötige Hilfe und Unterstützung gesucht hatte. Es war mir von Anfang an bewusst, dass ich alleine keine Chance gehabt hätte. Vielleicht war es also sogar ein Vorteil, dass ich im Navigieren und Kajaken noch kein Profi war? So kam ich auf jeden Fall gar nicht erst auf die Idee, alles alleine schaffen zu wollen, denn auch ein Kajak- und Navigations-Profi wäre mit dieser Aufgabe überfordert gewesen, hätte er sie ganz alleine meistern wollen.

Das Thema Hilfe annehmen und Unterstützung suchen ist ein Thema, dem ich in meinem beruflichen und privaten Alltag immer wieder begegne. Ich kenne viele Menschen, denen es sehr schwerfällt, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Auch mir ist dies früher schwer gefallen. Irgendwann habe ich jedoch erkannt, dass es auch Menschen (wie z.B. mich) gibt, die gerne helfen, und denen man sogar einen Dienst erweist, wenn man sie um Hilfe bittet. Solche Menschen freuen sich ganz ehrlich und aus tiefstem Herzen, andere Menschen unterstützen zu dürfen.
Und macht es wirklich glücklicher, wenn man immer alles alleine schafft? Ist es nicht schöner, wenn man seine Erfolge gemeinsam mit anderen Menschen feiern und teilen kann?

Viele Menschen bitten nicht gerne um Hilfe aus Angst, der betreffenden Person später nichts Äquivalentes zurückgeben zu können. Dahinter steckt meist das urmenschliche Bedürfnis nach Reziprozität. Wir stehen nicht gerne bei anderen Menschen in der Schuld und wollen lieber unabhängig und frei bleiben. Auch ich bin ein freiheitsliebender Mensch und strebe im Grunde in Beziehungen nach Ausgeglichenheit im Geben und Nehmen. Allerdings muss der Ausgleich ja nicht immer zeitnah stattfinden. In der Familie beispielsweise liegen meist Jahrzehnte zwischen Geben und Nehmen. Die Eltern unterstützen uns in der Kindheit, Jugend und im jungen Erwachsenenalter, während Ausbildungen oder bei der (Enkel-)kinderbetreuung. Doch irgendwann kommt unweigerlich der Punkt, wo sich die Rollen umkehren und wir unsere Eltern in ihrer letzten Lebensphase begleiten und ihnen vieles zurückgeben können.

Ich persönlich bin jedoch ausserdem der Ansicht, dass der Ausgleich zwischen Geben und Nehmen nicht zwingend ausschliesslich zwischen denselben zwei Menschen stattfinden muss.
Ein Blick in die Yogaphilosophie der Upanishaden oder des Vedanta verrät uns, dass wir Menschen auf der tiefsten Ebene alle miteinander verbunden sind. Die Vorstellung des menschlichen Individuums erweist sich letztendlich als Illusion und bringt uns in unserem Menschsein nicht wirklich weiter. Der upanischadischen Lehre folgend, gehe ich davon aus, dass wir Menschen letztendlich eingebunden sind in ein Netz von Beziehungen und es ist in diesem Netz, wo ich nach einem Ausgleich zwischen Geben und Nehmen strebe. Es gibt Menschen in meinem Leben, die ich mit meinen Kenntnissen und Fähigkeiten unterstützen kann, obwohl ich weiss, dass diese Menschen vermutlich (in diesem Leben) niemals in der Lage sein werden, mir etwas Adäquates zurückzugeben. Dafür gibt es andere Menschen, die mich unterstützen und inspirieren, ohne zu erwarten, dass sie von mir etwas Gleichwertiges zurückzuerhalten.

Folgt man den östlichen Weisheitslehren noch weiter und anerkennt man die Möglichkeit, dass wir als Menschen mehr als einmal leben, ergeben sich nochmals neue Möglichkeiten. So gibt es vielleicht Leben, in denen wir z.B. aufgrund von Krankheit oder Behinderung viel mehr empfangen als wir geben können und andere Leben, in denen wir z.B. aufgrund von Status und Kapital mehr geben als empfangen.

Unabhängig von all diesen Gedankenspielereien bleibt es in vielen Situationen ohnehin unmöglich, zu beurteilen, wer in einer Beziehung mehr gibt oder empfängt, denn wie wollen wir das überhaupt messen, wo es doch oftmals nicht nur um Materielles, sondern vielmehr auch um Immaterielles wie Liebe, Zuwendung etc. geht.

So möchte ich diesen Blog-Beitrag schliessen mit einem grossen Dankeschön an die kleinen und grossen sichtbaren und unsichtbaren Helfer und Unterstützerinnen in meinem Leben und wünsche uns allen, dass wir auch künftig viel Freude und Erfüllung sowohl beim Geben als auch beim Empfangen erleben dürfen.

Gerda ImhofComment