Das kosha-Modell – eine spannende Sicht auf den Menschen

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Letzten Donnerstag als ich auf dem Velo zum Yogaunterricht sass, kam mir spontan der Einfall, wieder einmal ein wenig Yogaphilosophie in den Unterricht einfliessen zu lassen. Wer selber auch YogalehrerIn ist, der/die weiss, dass der Einbezug der Yogaphilosophie in regulären Wochenkursen von vielleicht 60 oder 75 Minuten gar nicht so einfach ist. Seien wir ehrlich – die meisten TeilnehmerInnen kommen v.a. in den Kurs, um eine kleine Auszeit aus dem Alltag zu geniessen – mit Bewegung, Atmung und Entspannung – und nicht unbedingt um einen Vortrag über Yogaphilosophie zu hören.

Deshalb halte ich immer wieder Ausschau nach kleinen «Häppchen» oder «Perlen» in den vielfältigen und teilweise ja auch recht komplexen Yoga-Schriften, die man möglichst praxisbezogen in den Unterricht einfliessen lassen kann. Eine solche Perle ist für mich das Modell der fünf kosha, das aus den Upanishaden stammt, den ältesten Texten, in denen man etwas über Yoga lesen kann (ca. 800 - 200 v. Chr. verfasst).

Das Wort «kosha» bedeutet Körper oder Hülle und es handelt sich dabei um die Vorstellung, dass der Mensch insgesamt aus fünf klar unterscheidbaren Bereichen oder Schichten besteht, wobei die erste Schicht (annamaya kosha) grobstofflicher Natur und daher sichtbar ist, während die vier weiteren Schichten feinstofflicher Natur und unsichtbar sind:

1.    Annamaya kosha: «Nahrungskörper»

Der grobstoffliche Körper – alles was man sehen und berühren kann (Knochen, Muskeln, Haut etc.). Wenn wir mit Körperübungen (asanas) die Gelenke mobilisieren, die Muskeln kräftigen und dehnen etc. arbeiten wir in diesem Bereich.

2.    Pranamaya kosha: «Energie- oder auch Atmungskörper»

Das Wort prana bedeutet im Sanskrit sowohl Atmung, als auch Energie. Sobald wir mit der Atmung arbeiten (pranayama), arbeiten wir auch mit unserer Energie. Deshalb gibt es sowohl Atemübungen, die beruhigen und entspannen und wiederum andere, die aktivieren und beleben.

3.    Manomaya kosha: «Mental- oder Geistkörper»

«mano» kommt von «manas», was Geist bedeutet. Immer wenn im Yoga von «Geist» die Rede ist, sind sowohl Gedanken, als auch Emotionen und Gefühle gemeint. Mit manas ist das eher automatisch ablaufende Denken gemeint, also beispielsweise auch Sinneseindrücke, die von aussen hereinkommen und im Geist verarbeitet werden. manas wird in yogischen Schriften auch oft mit einem wilden Elefanten oder Affen verglichen, der schwer zu bändigen ist. Jede/r, der/die meditiert, kennt dieses Thema nur zu gut. Manchmal ist der Geist ruhig, doch ungleich öfter springt er einfach ungestüm von einem Thema zum nächsten.

4.    Vijnanamaya kosha: «Unterscheidungs- oder Erkenntniskörper»

In den Schriften der Yogaphilosophie gibt es neben manas noch eine weitere Denkinstanz, die je nach dem «buddhi» oder wie hier «vijnana» genannt wird. Diese Instanz ist manas übergeordnet und man könnte sie vielleicht mit «Weisheit» oder «Intuition» umschreiben. Hier geht es um höhere Einsichten, die man gelegentlich hat. Wenn man z.B. wichtige Entscheidungen treffen oder ein schwieriges Gespräch führen muss, sollte man schauen, dass man es schafft, zu dieser inneren Weisheit vorzudringen und die eigenen Worte und Handlungen von ihr leiten zu lassen.
Hier geht es auch ganz stark um die Entwicklung des inneren «Beobachters» / der inneren «Beobachterin», die von einer inneren Position der Ruhe und Entspannung aus auf das geschäftige Treiben des Geistes (manas) schauen kann, ohne selber in den Strudel von Gedanken und Emotionen hineingezogen zu werden. Die Beobachterin schaut einfach zu, nimmt wahr, was geschieht und teilt nicht ein in «gut» oder «schlecht», «wünschenswert» oder «nicht wünschenswert». Die Beobachterin bleibt gelassen und ruhig, sozusagen im Auge des Sturms und kann in schwierigen Situationen aus dieser Position heraus weise Worte oder Taten initiieren.
Um in diesem Bereich Fortschritte zu machen, kommen wir meiner Meinung nach nicht darum herum, das Yoga in unseren Alltag mitzunehmen und unsere Gedanken, Worte und Taten auch im Alltag zu reflektieren – sei dies nun für uns alleine, z.B. in der Meditation oder beim Tagebuch schreiben oder auch im Austausch mit Freunden, mit dem Partner/der Partnerin, mit spirituellen Weggefährten…

5.    Anandamaya-kosha: «Glückseligkeitskörper»

Das klangvolle Wort «ananda» bedeutet «Glückseligkeit». Hier haben wir es mit der Vorstellung zu tun, dass es in jedem Menschen einen inneren Ort der Glückseligkeit gibt, zu dem jeder Mensch Zugang hat. Wenn jedoch in den anderen vier Körpern oder Schichten des Menschen ein totales Chaos herrscht, ist es schwierig, zu ananda vorzudringen. Für ananda gibt es wenig «direkte» (Yoga)übungen, es ist eher ein Geschenk oder auch eine Gnade, wenn sich ananda zeigt. Es mag sich in einer Yogastunde z.B. in der Schlussentspannung ereignen oder vielleicht auch ab und zu in oder nach einem asana. Ist man einmal hierhin vorgedrungen, so hören alle Wünsche auf und man kann ganz im jetzigen Moment verweilen. ananda ist gekoppelt mit einer grossen Dankbarkeit und einem Gefühl des tiefen inneren Friedens mit sich selber und mit der Welt. Auch wenn dieser Zustand vielleicht nicht lange anhalten mag, so hat er doch eine sehr nährende und energiespendende Qualität, die oft noch lange in einem nachhallt und transformierend darauf wirken kann, wie wir uns selber und unsere Umwelt wahrnehmen. Obwohl man ananda nicht machen kann, wage ich doch zu behaupten, dass man mit zunehmender Yogapraxis immer öfter hierhin vorzudringen vermag.


Was bringt mir nun diese uralte Sicht auf den Menschen im Yogaunterricht?

Meiner Meinung nach sollte es in jedem «guten» Yogaunterricht immer wieder Momente zwischen den Übungen geben, in denen man «nachspüren» kann.
Manchmal stelle ich nach einer Übung die Frage in die Runde, welche Nachwirkungen man spüren konnte. Immer öfter kommt dann nicht sonderlich viel Feedback. Dies kann natürlich mit Schüchternheit zu tun haben, doch ich glaube, dass es oft auch einfach damit zu tun hat, dass die Teilnehmenden überfordert sind mit der simplen Aufforderung «jetzt nachspüren». Was oder wo soll ich jetzt nachspüren? 🤔

Genau hier kann nun das kosha-Modell zu einem exzellenten Einsatz kommen. Auf allen fünf beschriebenen Ebenen des Menschen kann nachgespürt werden. Folgende Fragen sollen dies verdeutlichen:

1.    Nachspüren in annamaya kosha:

Wie fühlt sich mein Körper nach dieser Übung an? Spüre ich ein Nachwirken der Übung? Beispielsweise ein Kribbeln oder Vibrieren? Fühlt sich mein Körper wohl an oder ist irgendwo ein Schmerz zu spüren (wenn ich vielleicht in einer Übung zu weit gegangen bin)? Ist irgendwo Wärme entstanden? Spüre ich meinen Puls? Ist dieser schneller oder langsamer geworden? Spüre ich irgendwo mehr Raum und Weite im Körper? Fühlt sich mein Körper nach dieser Übung leichter oder schwerer an? Etc.

2.    Nachspüren in pranamaya kosha:

Wie fühlt sich meine Atmung nach dieser Übung an? Ist die Atmung schneller oder langsamer geworden? Wo spüre ich die Atembewegung? Kann mein Atem frei fliessen oder ist es irgendwo eng oder blockiert? Ist nach dieser Übung irgendwo im Körper mehr Raum entstanden für die Atmung? Wie ist mein Energieniveau nach dieser Übung? Fühle ich mich wacher oder entspannter? Etc.

3.    Nachspüren in manomaya kosha:

Was geschieht in meinem Geist nach dieser Übung? Welche Gedanken, Emotionen und Gefühle tauchen auf? Sind viele Gedanken da oder wenige? Gibt es Momente der Stille ohne Gedanken? Wie lange sind die Abstände zwischen den Gedanken? Etc.

4.    Nachspüren in vijnanamaya kosha:

Kann ich neutral beobachten, was in meinem Körper, Atem und Geist vor sich geht? Kann ich Yoga praktizieren, ohne mich selber für meine «Performance» zu verurteilen? Wie gehe ich damit um, wenn mir eine Übung nicht so gut gelingt (z.B. Gleichgewichtsübungen)? Kann ich gelassen und spielerisch damit umgehen? Kann ich auch schwierige Gefühle wie Wut, Ärger, Trauer oder Angst annehmen und dennoch im Bewusstsein bleiben, dass auch diese wieder vorüberziehen werden, wie Wolken am Himmel? Etc.

5.    Nachspüren in anandayama kosha:

Gibt es Momente im Yogaunterricht, in denen ich ganz mit mir im Reinen bin? Moment des inneren Friedens, der Zeitlosigkeit? Momente, in denen ich wunschlos bin? Wie wirken sich diese Momente auf meinen Alltag, auf meine Beziehung zu mir selber und zu anderen aus?


Natürlich kann man sich diese Fragen nicht nur nach einer Yogaübung stellen, sondern auch während einer Übung (was besonders im Yin Yoga sehr gut geht, wo man länger in den Stellungen bleibt) oder auch im Alltag. 

Die Essenz der Lehre der Körper und Hüllen besteht für mich abgesehen vom Yogaunterricht in der Erkenntnis, dass der Mensch nicht allein aus Fleisch und Blut besteht. Genauso wenig wie sich meiner Meinung nach die menschliche Psyche ausschliesslich auf biochemische Prozesse im Gehirn beschränken lässt.

Obwohl ich nicht die Fähigkeit habe, die verschiedenen Körper und Hüllen direkt zu sehen (abgesehen vom annamaya kosha), gibt es immer wieder Situationen, in denen ich diese fühlen und wahrnehmen kann. So stelle ich mir beispielsweise vor, dass sich der Energiekörper (pranamaya kosha) in der Ausstrahlung eines Menschen zeigt. Für mich ist das Wahrnehmen der Ausstrahlung meiner Mitmenschen sehr wichtig, denn darüber kann ich viel über mein Gegenüber erfahren, was mit Worten nicht ausgedrückt werden kann oder unter Umständen nicht ausgedrückt werden will. Durch das Wahrnehmen der Ausstrahlung könnte man beispielsweise am Arbeitsplatz erkennen, wann ein guter Zeitpunkt ist, kritische Punkte mit einem Mitarbeitenden zu besprechen, oder wann man eine Arbeitskollegin besser ein wenig in Ruhe lassen sollte.

Noch etwas stimmiger als die Vorstellung von schichtartig übereinanderliegenden Körpern oder Hüllen erscheint mir deren Konzeption als fünf verschiedene Schwingungen, aus denen wir Menschen bestehen. Diese Schwingungen durchdringen und beeinflussen sich gegenseitig und können sich sowohl in einem Zustand der Harmonie als auch der Disharmonie befinden. Diese Sichtweise erscheint mir nicht nur im Kontext des Yoga sinnvoll, sondern kann auch für die Erklärung der Wirkungsweisen anderer Formen der Körperarbeit, wie beispielsweise der Klangschalenmassage oder der Thai Yoga Massage, hilfreich sein.

Nun hoffe ich, dass Konzept der fünf kosha auf verständliche Art erläutert zu haben und wünsche allen weiterhin viel Freude beim Yogapraktizieren on and off the mat! 🙏😊

Gerda Imhof2 Comments