Was hat Yoga mit Buddhismus zu tun?

Aufgezeigt am Beispiel der Metta-Meditation

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Seit meinem letzten Blog-Beitrag ist wieder etwas mehr Zeit verstrichen, als mir lieb ist. Doch die letzten Wochen waren wiederum sehr reichhaltig gefüllt mit Lehren und Lernen, so dass mir wenig Zeit zum Schreiben blieb. Umso schöner, dass es heute wieder einmal klappt. 😊

Anlässlich der Yogalehrer-Weiterbildung im April durfte ich mich in den letzten Wochen seit längerer Zeit wieder einmal so richtig intensiv mit dem Thema Buddhismus beschäftigen. Ein Thema, das mich schon seit vielen Jahren begleitet – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Theoretisch befasste ich mich während meines Anthropologie-Studiums vor allem mit dem tibetischen Buddhismus und studierte auch die tibetische Schriftsprache. Praktisch zog es mich jedoch bisher vor allem in Richtung Theravada- und Mahayana-Buddhismus (Vipassana-, Metta- und Zen-Meditation) und ich besuchte einige mehrtägige Schweige-Retreats im Meditationszentrum Beatenberg sowie im Lassalle Haus oberhalb von Zug, in dem ich seit diesem Jahr auch selber Yogakurse leite.

Immer wieder fällt mir auf, dass der Zusammenhang zwischen Yoga und Buddhismus für viele Yogapraktizierende und -lehrende alles andere als offensichtlich ist. Aus diesem Grund möchte ich heute gerne einige Parallelen zwischen Yoga und Buddhismus aufzeigen und euch mit einer «Perle» vertraut machen, die sowohl im Buddhismus, als auch im Yoga vorkommt und die wir in den letzten Wochen in meinen Yogakursen praktiziert haben.

Die Gemeinsamkeiten von Yoga und Buddhismus beginnen bereits ganz am Anfang der buddhistischen Geschichte, lebte der historische Buddha doch in Indien und war (ursprünglich) Angehöriger der kshatriya-Kaste (Krieger-Kaste). Ähnlich wie viele Yogis verliess er bekannterweise seine wohlhabende Herkunftsfamilie und brach mit vielen gesellschaftlichen Konventionen. Während seiner Lehr- und Wanderjahre lernte er von zwei Samkhya-Yogis, bevor er seinen eigenen, mittleren, (Yoga-)Weg entdeckte. Entgegen der herrschenden Gesellschaftsordnung teilte er anschliessend die Erkenntnisse seiner Erleuchtungserfahrung mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten inklusive Frauen, was damals absolut unüblich war.

In der Zeit, in der Buddha lebte (450 – 370 v. Chr. – genaues Lebensdatum ist wissenschaftlich umstritten), herrschte in Indien ein buntes Durch- und Nebeneinander verschiedenster philosophischer Richtungen, die noch nicht systematisch in die heute bekannten Philosophie-Systeme (darshana) eingeteilt waren. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Themen wie Karma, Samasara, Dharma etc. sowohl im Yoga, als auch im Buddhismus auftauchen, wenn auch in leicht unterschiedlicher Ausformulierung.

In diesem Beitrag möchte ich mich jedoch nicht viel weiter in diese theoretischen Gemeinsamkeiten und Unterschied vertiefen, sondern im Folgenden auf die Brahmaviharas und insbesondere auf die Metta-Meditation (Meditation der liebevollen Güte) eingehen – eine Meditationspraxis, die sowohl in buddhistischen, als auch in yogischen Texten erwähnt wird, die jedoch heute leider in Yogakreisen nicht mehr so oft erwähnt und praktiziert wird.

Die vier Brahmaviharas («die vier himmlischen Verweilzustände») beinhalten neben liebevoller Güte (Metta) auch Mitgefühl (Karuna), Mitfreude (Mudita) und Upeksha (Gleichmut). Das Ziel ist es, diese vier Geisteszustände durch regelmässige Meditationspraxis ins Unermessliche auszudehnen. Ist dies gelungen, so wird man (in der Vorstellung der damaligen Zeit) an einem paradiesischen Ort (vihara), dem Wohnort der hinduistischen Gottheit Brahma, wiedergeboren.

Im buddhistischen Kontext wird die Kultivierung der Brahmaviharas beispielsweise in der Vishuddhimaggha empfohlen.
Im Yoga-Kontext tauchen sie im ersten Kapitel des Yoga Sutra auf. Im Vers I.30 werden neun Hindernisse (antaraya) erwähnt wie z.B. Krankheit/physische Einschränkung, Trägheit, Zweifel etc., die zu Unruhe im Geist bzw. in der Psyche des Menschen (citta) führen und damit Leid verursachen. Die Brahmaviharas kommen dann im Vers I.33 als Gegenmittel gegen die erwähnten Hindernisse zum Zug:


मैत्री करुणा मुदितोपेक्षाणांसुखदुःख पुण्यापुण्यविषयाणां भावनातः चित्तप्रसादनम्
maitrī karuṇā mudito-pekṣāṇāṁ-sukha-duḥkha puṇya-apuṇya-viṣayāṇāṁ bhāvanātaḥ citta-prasādanam ॥33॥

Der Geist/die Psyche des Menschen (Citta) kommt zur Ruhe durch die Kultivierung von liebevoller Güte (Metta), Mitgefühl (Karuna), Mitfreude (Mudita) und Gelassenheit (Upeksha) in Situationen von Glück (Sukha), Leid (Duhka), Erfolg (Punya) oder Misserfolg (Apunya). ||33||

Die Kultivierung der Brahmaviharas im Yoga Sutra dient also nicht in erster Linie dazu, eine besonders vorteilhafte Wiedergeburt zu erlangen oder in den Himmel (zu Brahma) zu kommen, sondern um Ruhe im Geist zu finden und tiefe Meditationszustände zu erreichen (citta-vritti-nirodha).

Im Vishuddhimaggha werden ausserdem noch elf weitere positive Nebeneffekte der Meditationspraxis mit den Brahmavihara erwähnt, wie z.B. ein strahlender Gesichtsausdruck, guter Schlaf ohne Alpträume, müheloses Aufstehen am Morgen, ein liebevolles Verhältnis mit seinen Mitmenschen und allen Lebewesen etc.

Die Brahmavihara-Meditation begegnete mir erstmals vor einigen Jahren im Meditationszentrum Beatenberg während eines mehrtägigen Schweige-Retreats über Neujahr. Die Art der Vermittlung dort war sehr praxisorientiert – es wurden so gut wie keine Hintergründe zu den praktizierten Meditationsformen gegeben. Dies führte dazu, dass sich mir anfänglich der Sinn dieser Meditationspraxis nicht so wirklich eröffnen wollte.

Dies änderte sich jedoch mit der Zeit und ich durfte die Kostbarkeit v.a. der Metta-Meditation von Jahr zu Jahr mehr erkennen. Die Metta-Meditation weist ausserdem viele Parallelen zu Ho’oponopono auf, einer hawaiianischen Meditations- und Versöhnungspraxis, die ich vor geraumer Zeit als sehr wertvoll für mich entdecken durfte.

Wie die Praxis der Brahmaviharas nun konkret aussieht, möchte ich anhand der Metta-Meditation aufzeigen:

Bei der Metta-Meditation geht es darum, in sich ein Gefühl der liebevollen Güte zu erwecken, das man anschliessend in verschiedenen Schritten zuerst für sich selbst, später auch für andere Menschen kultiviert. Dazu können die folgenden Sätze innerlich (im Geist) wie ein Mantra rezitiert werden: 

  1. Möge ich glücklich sein.

  2. Möge ich mich sicher und geborgen fühlen.

  3. Möge ich gesund sein.

  4. Möge ich unbeschwert leben.

Diese Sätze sind lediglich ein Beispiel. Sie können so abgewandelt werden, dass man sich selber damit wohlfühlt. Wichtig ist jedoch in jedem Fall, dass die Sätze nicht einfach «runtergerattert» werden, sondern dass man sie auch wirklich mit liebevoller Güte ausfüllt.

Falls man Mühe haben sollte, liebevolle Güte für sich selbst zu empfinden, ist es auch möglich, sich in einem ersten Schritt mit einer Person zu verbinden, die einem in der Vergangenheit Gutes getan hat – sozusagen mit einem Wohltäter/einer Wohltäterin – und erst anschliessend die liebevolle Güte für sich selbst zu kultivieren.

Nach einer Weile kann man einen Schritt weitergehen zu einer Person, die einem nahesteht. Dann könnten die Sätze folgendermassen lauten:

  1. Mögest du glücklich sein.

  2. Mögest du dich sicher und geborgen fühlen.

  3. Mögest du gesund sein.

  4. Mögest du unbeschwert leben.

In einem dritten Schritt kann man sich mit einer neutralen Person, die man gar nicht so gut kennt, verbinden (z.B. mit einem Busfahrer, mit dem Postboten, mit einer Kassiererin). Anschliessend kann man sich mit einer Person verbinden, mit der man ein schwierigeres Verhältnis hat. Und schliesslich – im letzten Schritt – kann man die Meditation ausdehnen auf alle fühlenden Wesen im Universum:

  1. Mögen alle Wesen glücklich sein.

  2. Mögen sich alle Wesen sicher und geborgen fühlen.

  3. Mögen alle Wesen gesund sein.

  4. Mögen alle Wesen unbeschwert leben.

Wenn ich die Metta-Meditation praktiziere, gehe ich nicht immer systematisch durch alle vier Schritte. Immer jedoch beinhaltet meine Metta-Meditation die Kultivierung von liebevoller Güte für mich selber, sowie für eine andere Person. Je nach Tag mag dies eine Person sein, die mir nahesteht oder eine Person, mit der ich ein schwierigeres Verhältnis habe. Meist praktiziere ich die Metta-Meditation für ein bis drei Personen pro Meditationseinheit.

Das Praktizieren der Metta-Meditation gibt mir ein friedvolles Gefühl, das meist noch mehrere Stunden später spürbar ist und definitiv dazu beiträgt, dass ich mit mir selber, aber auch mit meinen Mitmenschen liebevoller und gelassener umgehen kann.

In diesem Sinne wünsche ich uns allein weiterhin ein friedvolles, liebevolles und gelassenes Pfingstwochenende. 😊🙏

Gerda ImhofComment